Eröffnungsrede zur Ausstellung

PHÖNIXFLÜGE


Die Berliner Textilkünstlerin Helga Höhne merkte einmal lapidar an: „Ich will Teppiche machen, die wie ein einziger Webfehler aussehen.“ Mit diesem Anflug von schwarzem Humor deutet sie ihre Bereitschaft zum Experiment, vor allem aber zu einer künstlerischen Wahrhaftigkeit an, die ihre Wurzeln tief im eigenen Erleben besitzt. Jede Arbeit habe ihre Geschichte, …, etwas müsse sie – oft unvermittelt und spontan ins Blickfeld gerückt – zur Gestaltung drängen.

Sie stellt heute im sakralen Raum der Krankenhauskirche im Wuhlgarten eine Auswahl ihrer Arbeiten aus 25 Jahren vor, die zwei große Werkgruppen repräsentieren: zum einen die lange Zeit für sie typischen, hochformatigen, meist rhythmisch akzentuierten Bildteppiche und zum anderen die von gegenständlichen Impulsen getragenen, textilen Eigengebilde, die an selbständige Körperwelten erinnern. Ergänzt werden die aus Stoffen gewebten Gestaltungen durch einige subtile Materialdrucke auf Papier, die ihr Schaffen in erstaunlicher Fülle flankieren und in denen sie aufgefundene Flächenrelikte zu dekorativen Bildzeichen werden lässt. Auch in ihnen manifestiert sich, was generell für Helga Höhnes Kunst gilt: Aus der gegenseitigen Durchdringung von Realität und Abstraktion entstehen phantasieanregende Formverwandlungen von hoher Intensität.

Erst seit Mitte der 1980er Jahre wandte sich die Künstlerin autodidaktisch der Textil-gestaltung zu, wo sie nach einer gewissen Zeit des Suchens und Herantastens dann doch relativ bald den ihr entsprechenden Hauptweg im Gelände künstlerischer Ausdrucksformen fand. 1994 notierte sie: „Gegenüber Eingebungen offen sein, auch wenn sie seltsam anmuten und nicht 'textil'. Der Natur folgen.“ Mit ersten Ausstellungen zu Beginn der 1990er Jahre stellte sie ihre künstlerische Positionen vor und erarbeitete sich mehr und mehr einen beachteten Platz innerhalb der Berliner Kunstszene und darüber hinaus.

Betrachtet man ihre Arbeiten etwas näher, so fällt besonders die ausgeprägte Kontrapunktik ihrer Formcharaktere auf: Vornehmlich in ihren Bildteppichen vollzieht sich eine starke Eigenbewegung, die aus dem Widerstreit zwischen einem deutlich spürbaren Aufbruchsbegehren einerseits und dem kraftvollen Gestus der Einbindung andererseits erwächst. Wohl unterliegen diese Gestaltungen noch einer ornamentalen Grundstruktur, die wie ein untergründiges Gerüst die Bindung festigt, aber ebenso teilt sich jenes Ringen der relativ eigenständigen Detailformen mit, die gleichsam mit Nachdruck aus dem jeweiligen Gesamtgefüge herausdrängen. Und gerade aus diesem, wie aufgeladen erscheinenden Spannungsfeld beziehen die Arbeiten von Helga Höhne ihre so unmittelbar wirkende Lebendigkeit.

Es sind besonders die Erscheinungen und Kräfte der Natur, die für die Künstlerin immer wieder zur nachhaltigen Anregung werden. Dabei geht es ihr weniger um ein Hereinnehmen dieser überreichen Formenwelt als solcher, vielmehr gilt ihre Intention einer zeichenhaften Verdichtung von Vorgängen, Veränderungen und Reibungen, die unablässig, über die Zeiten hinweg andauernd, die natürlichen Substanzen dieses Seins – und damit auch unserer eigenen Existenz – durchwalten, mal sichtbarer wie jetzt in diesen Frühlingstagen, mal weniger wahrnehmbar, weil sich alles scheinbar unmerklich vollzieht.

So überrascht es nicht, dass viele ihrer Kompositionen wachstumsartige Verzweigungen, verschliffene Rundungen oder ausgefächerte Entfaltungen aufweisen und sehr häufig als von fließenden Formen durchwirkt erscheinen. Das führt bis zu einem gewissen Grade auch zu dem Eindruck, dass wir es hier mit einer Art Verlandschaftung zu tun haben, die nicht nur ein pulsierendes Wechselspiel zwischen den fleckhaften Figurationen und ihrem einströmenden Umraum erlaubt, sondern auch so etwas wie eine Überschau ermöglicht oder zuweilen Einblicke in Binnenwelten gewährt.

Es ist unverkennbar, die Kunst von Helga Höhne lebt in starkem Maße von einer ausdrucksbetonten Formensprache. Sie arbeitet mit einer intensiven, zuweilen expressiv anmutenden Farbigkeit … und sie treibt in einer besonderen Weise das Flächenhafte in eine bewusst plastische Dimension hinein. Schon die Verwendung vorbereiteter Stoffstreifen aus oft gebrauchten Materialien deutet auf dieses Streben nach einer verstärkten Greifbarkeit ihrer Webarbeiten hin. Aber ihr künstlerisches Anliegen geht darüber hinaus, was schon die eben angesprochene enge Verbindung zu den organischen Formen der Natur grundlegend bezeugt hat. Wir begegnen einer starken Imagination von ganzheitlicher Umfassung, die sie ganz wesentlich bewegt und der sie in ihren Werken Gestalt verleiht. Nicht zuletzt dieses körperhafte Empfinden, das sich dem Betrachter als eine sensitiv-erregte Kraft mitteilt, lässt jene durchaus von Gefährdung bedrängte, aber ebenso von einem befreienden Ausgreifen geprägte Vitalität ihrer Kunst entstehen .


Lassen Sie mich schließen mit einem knappen Notat der Künstlerin. 1994 schrieb sie, was auch heute noch Gültigkeit für sie besitzt: „Gewebte Skizzen – aus Stoffen 'von überall her'. Gelebte Skizzen.“

Dr. Fritz Jacobi, Kunsthistoriker, Berlin

Aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung
Helga Höhne PHÖNIXFLÜGE
Bildteppiche, Teppichobjekte, Materialdrucke
am 17. April 2015
in der Krankenhauskirche im Wuhlgarten
nach dem Konzert von Uschi Brüning und den Jazz-Optimisten



Helga Höhne. Textile Objekte. Offene Formen


Die Arbeiten von Helga Höhne markieren Schnittstellen zwischen Textilkunst und postmoderner Objektkunst. Während die Werke der 80er und 90er Jahre mit ihren Streifen, Rauten und Farbrhythmen vorwiegend der ornamentalen Abstraktion angehören, tritt etwa seit dem Jahr 2000 die Figuration des isolierten Gegenstandes in den Vordergrund und findet in den seit 2002 entstandenen „Formteppichen“ eine künstlerische Gestalt, die sich als Variante der aktuellen Objektkunst versteht. Allen diesen textilen Erzeugnissen liegt die traditionelle Technik der Weberei zugrunde, wobei die Künstlerin die spezielle Methode der Weberei mit Stoffstreifen bevorzugt und damit eine nur marginal verwendete, an sich profane Technik als eigene Ausdrucksform kultiviert. Das auf diese Weise entstandenen Werk ist ohne vergleichbare Vorbilder und kann als ein Produkt aus tradiertem Handwerk und modernem Kunstwollen definiert werden.

Ein wesentliches ästhetisches Kriterium dieser Werke ist das Haptische. Es entsteht aus der unterschiedlichen Beschaffenheit und den verschiedenen Verarbeitungstechniken der Materialien Wolle, Baumwolle, Seide etc. Die Künstlerin setzt rauhes neben glattes, weiches gegen sprödes Material, verwebt dickes und verquollenes, faseriges, fügt Knoten und Flechtungen ein, sodass eine skulpturale Oberfläche entsteht, deren unterschiedliche Texturen nicht nur durch das Auge erfahren werden, sondern sich mehr noch dem Tastempfinden der Hand mitteilen. So entsteht eine Synästhesie des Optischen und des Haptischen als Ausdruck eines vielschichtigen, assoziativen Erfahrungsbereiches.
Über das Haptische werden tiefere ursprünglichere Bewusstseinsschichten angesprochen, da es dem Rauhen, dem noch Ungeformtem Ausdruck verleiht und uns den archaischen, schamanistischen Wurzelgrund des Textils vor Augen führt, z. B. die Arbeiten Schwarze Sonne - roter Mond (2008), Votivstab (2008) und Nomadenbaby (2008). Auch die assoziativen Bildtitel verweisen auf die spezielle kulturgeschichtliche Verbindung zwischen Textilkunst und nomadisierenden Lebensformen sowie einer besonderen transzendenten Geistigkeit, die zur Entgrenzung der Form und deren Auflösung bzw. Verwandlung neigt. Besonders sichtbar wird diese Tendenz in den fragilen Objekten, wie dem Insektenmann (2005), entstanden nach einem Schattenwurf. Bei aller Klarheit der Konturen öffnet sich die Umrissform in den Außenraum und unter der geschlossenen Silhouette verbirgt sich eine geheime Kommunikation zwischen Raum und Gestalt. Dieses fluktuierende Kräftespiel der äußeren und inneren Elemente wird dem Betrachter durch Instabilität und Isolierung der Formsegmente sichtbar vor Augen geführt. Die Durchlässigkeit wird zum eigentlichen Prinzip. Die bizarre Kontur mit ihren Ausfransungen und die rätselhafte rituelle Gestik mit dem Gehabe eines Medizinmannes verstärken den Eindruck eines transzendenten Schwebezustands zwischen Form und Verwandlung.

Die Künstlerin selbst ist eine Kulturnomadin, eine Wanderin zwischen den kulturgeschichtlichen und ethnographischen Welten, vor allem aber eine wachsame Sammlerin der sie umgebenden Formen und Strukturen. Die Ethnographie der urbanen Gesellschaft, die sie in Städten, Dörfern und an den Landstraßen aufspürt, folgt einem reflexhaften intuitiven Aufnehmen. Fotoserien und Fundstücke stehen als Stadtmorphologie zunächst für sich selbst, bilden aber auch einen Fundus an elementaren Formen, die sich später im textilen Objekt wieder finden.
Aus diesen Fundstücken filtert die Künstlerin gegebenenfalls die Einzelform heraus, die zum Symbol des allgemeinen und alltäglichen Lebens wird, die jeder kennt und bisweilen auch wieder erkennt. Häufig erfährt die lapidare Kleinform eine Transformation durch Vergrößerung und isoliertes Hervorheben und wird durch diese Verfremdung zu einem magischen Symbol, zu einer zeitlos archaischen, immer schon dagewesenen Figuration.
Wenige Zentimeter große Fundstücke, wie metallene Scheiben oder mechanische Verbindungselemente, bilden mit ihren Stanzungen interessante durchbrochene Formsysteme.
Mit ihnen fertigt die Künstlerin Materialdrucke an; von geeigneten Stücken wird ein Abdruck hergestellt, der die Gestalt in klarer Schwarzweiß-Gliederung hervortreten lässt und sie als reine Form objektiviert. In dieser Formsammlung ist die technoide Objektform in ein reines Flächenbild übertragen worden.
Als Konsequenz aus der Hinwendung zur elementaren Form bzw. Gestalt entstanden seit 2002/03 die „Formteppiche“ bzw. die Teppichobjekte. In ihnen wird das herkömmliche Rechteck als Bildgrund aufgegeben und damit existiert auch die Nähe zum Bildformat nicht mehr. Der Teppich wird zu einem textilen Objekt mit variablen Gestaltumrissen und steht in seiner ästhetischen Struktur der Skulptur bzw. dem freistehenden Relief nahe. Jetzt geben die Zivilisationsobjekte eindeutig den Ton an, wie beispielsweise Ampelserie, Radio, Gitterkasten, Tasse, Gabel oder Löffel (textilkunst 2006 - Heft 4). Letztere sind mit einer Höhe von fast drei Metern wieder Beispiele für Monumente des Alltäglichen und des Profanen.
Eine interessante Werkgruppe bilden die durchbrochenen Formen, sei es in Gestalt von Masken, Lochscheiben, Spangen, Rastern oder Gittern. Auch sie sind eine Abwandlung technoider Strukturen, häufig gepaart mit Assoziationen des Anthropomorphen, wie in Kleiner Patriarch, Soldat und Gitterkasten (alle 2004). Bei einigen, wie Soldat und Gitterkasten, werden die Formdurchbrüche mit Metallteilen versehen. Sie bilden in dem weichen textilen Körper das technoide Ordnungsraster, eine antithetische Einheit des sensitiven und des rationalen Prinzips.
Charakteristisch ist für diese Arbeiten die Zurücknahme der Farbigkeit, die bis zum reinen Schwarz-Weiß-Kontrast gehen kann und das Strukturelle der Form hervortreten lässt, wie in dem Teppichen Chinesisches Tor (2001) und Großes Gitter (2001). In ihnen bilden die vervielfachten Formöffnungen ein die Fläche ordnendes Gitterwerk, das eine Brücke schlägt zu den visuellen Mustern der Op-Art.
In dem Teppich Wüstenstadt (2010) wird die Leerform durch die Schwarzform ersetzt: Entstanden nach der Abrollung einer Metallmanschette, deren Stanzungen zu den nächtlichen Schwarzfeldern einer orientalischen Stadtsilhouette werden und eine eigene zeichenhafte, fast lyrische Bildsprache entwickeln. Die Ambivalenz der Bedeutungen und damit verbunden auch die Inhalts- oder Titelfindung, die auf mannigfache Bezüge verweist und einer poetischen Ebene entspringt, zeigt noch einmal den Aspekt der Verwandlung und der Transformation, der dem von Helga Höhne geschaffenen textilen Kunstwerk eigen ist.

Dr. Karla Bilang
Zeitschrift textilkunst, 2010/Heft 3



Natur - Bewegung - Form


Innerhalb einer heftigen Zeit der Suche nach einer für mich möglichen Ausdrucksart sah ich bei Freunden ein aus derben Stoffen geflochtenes Webstück, das mich aufgrund seines rustikalen Charakters sehr erregte. Ich baute mir einfache Webrahmen ... und begann gleich mit Stoffstreifen zu arbeiten. Seither ist das so geblieben." Das geschah 1984. Vorher hatte sich Helga Höhne - 1949 in Zwickau geboren - künstlerisch nicht betätigt. Durch ihre langjährige Tätigkeit als Galeristin aber war - gerade durch die Begegnungen im Künstlerkreis um die Berliner Maler Christa und Lothar Böhme - ein ganz unmittelbarer Zugang zu kreativen Ausdrucksformen gewachsen. In bewunderungswürdiger Intensität entstanden seitdem - neben ihrer täglichen "Brotarbeit" - über 100 Stoffteppiche von hoher künstlerischer Wertigkeit und eigener Prägung. So waren die Aufnahme in den Verband Bildender Künstler 1991 und die erste Einzelausstellung 1993 in der "Galerie am Prater" in Berlin auch folgerichtig.

Was zeichnet ihre Werkstücke aus, die bewußt aus zuvor genutzten bzw. von ihr bearbeiteten Stoffen aufgebaut sind und die sie selbst als "gewebte Skizzen - gelebte Skizzen" versteht? Ich glaube, die Arbeiten der Berliner Künstlerin leben von einem ganz eigenen Rhythmus: Diese durch und durch vibrierenden Stofflandschaften werden ganz eindeutig von einer inneren Klarheit bestimmt, die Ordnungen vorgibt, Felder absteckt und den Grundakkord anschlägt. Die ornamentale Bindung einigt wie eine von unten heraufsteigende Kraft die hineinwachsend - geschichteten Linienstreifen und groß angelegten Flächenpartien, ohne aber - und darin liegt nun der deutlich spürbare Kontrast - eine exakt dekorative Festlegung vorzugeben. Im Gegenteil: Die Details atmen eine starke Bewegtheit, die bis zur Unruhe reicht. Sie sind von einer eigenwilligen Ausdruckskraft erfüllt, die fast rebellierend gegen die umfassende Grundstruktur anzuströmen scheint wie Wellen am Strand des Meeres.

Etwas von diesem unablässigen Hin und Her, diesem Fließen und Zurückfließen, Aufsteigen und Sinken, Freilegen und Verbinden ist in diese Bildteppiche spürbar hereingeholt worden. Es ist der pulsierende Rhythmus der Natur, der da sinnfällig und in einfachster Form in Schwingungen umgesetzt ist. "Gegenüber Eingebungen offen sein, auch wenn sie seltsam anmuten (...). Der Natur folgen.", notierte Helga Höhne 1994. So sind Farbgefüge entstanden, die eine feste Ruhe ausstrahlen und zugleich aber die Wahrnehmung und damit auch die Phantasie des Betrachters nie zum Stillstand kommen lassen.

Dieser Eindruck des sich verändernden Gleichbleibens entsteht vor allem durch Formcharaktere, die in der Spannung zwischen geometrischer Regelmäßigkeit und freier Entfaltung angesiedelt sind und unverkennbar Anklänge an organische Wertigkeiten in sich bergen. Der ständige, unmerkliche Wechsel in der optischen Betonung, der aus der spielerischen Durchdringung von Figur und Grund entsteht, kommt hinzu. Und nicht zuletzt führen die Eigenständigkeit der einzelnen Elemente - bei aller Verwandtschaft wiederholt sich keine Form - und die dominante Hereinnahme von aktiven, winkelartigen Gestaltzeichen zu einer solchen lebendigen Wirkung.

Diese farbkräftigen Stoffornamente, die durchaus Anregungen anderer, etwa arabischer Kulturen aufgenommen haben könnten, sind der intensive Ausdruck einer bildnerischen Verdichtung von Wesensmomenten des Lebens und der Natur, in die auch wir letztendlich eingebunden sind. Diese Kunstwerke bringen etwas von dem zur Form, was - so der Bauhaus-Meister Georg Muche - "im Ablauf des echten, stets im Geheimnis verborgenen künstlerischen Werdens aus der Stille und Tiefe an die Oberfläche drängt und dort den Sinnen gemäße Gestalt annimmt.

Fritz Jacobi
(Artikel "textilkunst international", 1/1996)

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